Metallica für Mom statt American Idol

Interview mit Shane von Silverstein in Köln // 16. Dezember 2007


Bei gefühlten 20°C unter Null stehen schon die ersten Die Hard-Fans vor der Live Music Hall und warten auf die letzte Show der Tour, als ich um 17:30 Uhr dort ankomme. Tourmanager Sean holt mich rein, bringt mich am dicken Buffet im Backstage vorbei in eine kleinen Raum mit zwei riesigen Sesseln und liefert mir Shane, den Sänger von Silverstein.


GETADDICTED: Willkommen zurück in Deutschland! Nach dem letzten mal Köln im Underground 2005 mit 200 Leuten geht’s heut direkt richtig rund in der Live Music Hall, mit 1600 Leuten – ausverkauft!
Shane: Ja, ich weiß echt nicht, wie das passieren konnte. Das ist unglaublich! Jetzt sind wir hier schon fast so groß wie in Kanada.
GETADDICTED: Wie war denn der Rest der Tour?
Shane: Wir waren einen ganzen Monat in Europa unterwegs: UK, Schweden, Dänemark, Luxemburg und jetzt Deutschland – und es war großartig! Viel gesehen, viele nette Leute getroffen, neue Freunde gefunden und alte wieder getroffen. Ich kann mich echt nicht beschweren, alle Shows waren super. Heute dann die letzte Show der Tour.
GETADDICTED: Irgendwas verrücktes passiert?
Shane: Eigentlich nicht. Man bleibt wach bis sechs Uhr morgens, trinkt einen oder zwei oder auch noch mehr (lacht), macht Party – das übliche verrückte Zeug halt.
GETADDICTED: Und nach solchen Nächten schafft ihrs am nächsten Tag wieder fit auf die Bühne?
Shane: Wir haben meistens einen Tag frei zwischen den Shows. Ich bin eh eher der entspannte Typ, aber da dies heute die letzte Show ist, wird noch mal richtig gefeiert!


GETADDICTED: Wie sieht denn so ein normaler Tour-Tag bei euch aus? Was treibt ihr so bis zur Show?
Shane Die meiste Zeit verbringen wir unterwegs zum nächsten Ort. Wir versuchen mit Freunden und Familie in Kanada zu kommunizieren, aber das ist gar nicht so einfach hier in Deutschland. Wegen der Zeitverschiebung ist es hier sechs Stunden später als in Kanada. Das ist auf jeden fall der härteste Teil der Tour! Normalerweise stehen wir so um ein oder zwei Uhr auf, gammeln rum bis zum Soundcheck. Schon eine eigenartige Existenz (schmunzelt). Wir versuchen dann was zu Essen aufzutreiben, surfen im Internet, gucken Filme …
GETADDICTED: … gebt Interviews …
Shane (lacht): Genau!
GETADDICTED: Dann freut ihr euch sicher auch schon auf zu Haus! Gemütliche Weihnachten mit der Familie und Freunden.
Shane: Oh ja! Wir waren jetzt das komplette Jahr eigentlich nur unterwegs. Am meisten freue ich mich auf mein eigenes Bett! Das eigene Bett ist doch das Beste!


„DAS SIND ALLES MEINE BABYS“


GETADDICTED: Lass uns mal über euer neues Album „Arrivals & Departures“ sprechen. Würdest du etwas an dem Album ändern, wenn du könntest?
Shane: Wir hätten uns mehr Zeit gelassen am Ende, um noch ein bisschen mit anderen Sounds herumzuexperimentieren. Wir haben die ganzen Gitarren, Drums, Bass, Vocals, Backgroundvocals aufgenommen – und es war gut. Aber ich hab dann immer gern noch eine Woche, in der ich mir das ganze Aufgenommene noch einmal in Ruhe anhöre und auf mich wirken lasse, um dann gegebenenfalls ein paar Kleinigkeiten zu ändern. Hier was weglassen, da was hinzufügen. Dafür hatten wir bei „Arrivals & Departures“ keine Zeit. Also kommt das Album ziemlich roh rüber. Ich mag das aber sehr, weil es echt klingt. Wenn wir mehr Zeit gehabt hätten wäre es wohl glatter geworden.


GETADDICTED: Wie seit ihr auf den Albumtitel „Arrivals & Departures“ gekommen, was bedeutet er für dich?
Shane: Wir sind jetzt ziemlich genau vier Jahre durchgängig auf Tour. Da war „Arrivals & Departures“ der passendste Name. Darum geht es auch auf diesem Album, das kontinuierliche Kommen und Gehen in all’ den vielen Ländern. Jeden Tag lernt man neue Leute kennen und verlässt sie schon wieder am nächsten Tag, um erneut neue Menschen zu treffen. Man verlässt immer wieder gute Freunde oder Familie. Manch einer ist gestorben oder jemand wurde neu in diese Welt geboren. Der Titel fasst einfach am besten zusammen, wie es uns ergangen ist, was wir machen und um was es bei diesem Album geht.
GETADDICTED: Hast du einen Favoriten auf dem Album?
Shane: Nein, das sind alles meine Babys. Allerdings gibt es Lieder, die mir am Anfang nicht ganz so gut gefallen haben, aber man hat sie wachsen sehen während des gesamten Aufnahmeprozesses. Dann kamen die Lyrics dazu und ein Song, den du am Anfang für ok gehalten hast, ist jetzt total super. Das war zum Beispiel bei „Vanity and Greed“ so. Definitiv einer meiner Favoriten jetzt. Und der ‚best-song-ever’ rutscht vielleicht ab auf ‚gut‘. Es ändert sich eigentlich kontinuierlich.


GETADDICTED: Du hast doch sicher von dem Jungen gehört, der euren Song „Smashed Into Pieces“ bei American Idol performed hat und direkt rausgeflogen ist. Was hältst du von ihm?
Shane: „Wir waren gerade in Deutschland auf Tour mit Simple Plan, als das passiert ist. Wir wurden geradezu mit Emails bombardiert: „Der Typ war im Fernsehen, habt ihr den gesehen?!“ und so weiter. Ich hab ihn über Myspace gefunden und hab angefangen, mir mit ihm zu schreiben. Er ist wirklich ein netter Kerl. Die Art, wie das fürs Fernsehen geschnitten wurde, war falsch: Die haben ihn ganz anders dargestellt, als er eigentlich ist. Aber so ist Fernsehen halt.
GETADDICTED: Davon abgesehen unterstützt American Idol auch nicht gerade diese Musikrichtung. Habt ihr noch Kontakt zu ihm?
Shane: Ja wir sind richtig gute Freunde geworden. Er war bei einer Show in Las Vegas und anderen Shows und kam auf die Bühne, um ein paar Songs mit mir zu singen. Er ist echt ein guter Sänger und sein Screaming ist auch echt gut, auch wenn das Fernsehen ihn eher schlecht hat dastehen lassen.
GETADDICTED: Wie hättest du denn reagiert wenn du die Jury gewesen wärst?
Shane: Ich denke, ich hätte genauso reagiert im Bezug auf American Idol. Allerdings bin ich ja ich und weiß Bescheid übers Screaming. Ich hätte ihn deswegen weiter gelassen.
GETADDICTED: Und wenn du dort Kandidat wärst, was würdest du vortragen?
Shane (lacht): Oh Gott, meine Freunde sagen immer: „Du solltest unbedingt zu American Idol gehen, Shane, du würdest auf jeden Fall gewinnen!“ Aber ich bin da eher abgeneigt, das ist nichts für mich. Das ist eine ganz andere Welt. Ich würde schon sagen, dass ich singen kann, aber die suchen dort ja eher jemanden mit einer netten, radiotauglichen Stimme. Weißt du was ich meine?
GETADDICTED: Ja nette Stimme, gutes Aussehen und leicht zu lenken. Das ist ja nicht unbedingt die Erfüllung eines Künstlers, wenn er dann sehr wahrscheinlich auch keine eigenen Texte und Gefühle beisteuern darf.
Shane: Genau! Gerade die Texte sind mir wichtig.
GETADDICTED: Wie war es denn bei euch am Anfang? Hattet ihr schon viele eigene Texte oder habt ihr mehr gecovert? Gäbe es einen Song, den du jetzt gern mal covern würdest?
Shane: Da gibt’s einige, zum Beispiel von Lifetime und den Beatles. Wir hatten auch letztens drüber geredet, mehr Cover-Songs zu bringen und vielleicht auch ein Album damit zu machen. Viele Bands covern am Anfang Songs, weil sie noch nichts Eigenes haben, aber bei uns war das anders. Wir haben direkt mit unseren eigenen Texten angefangen.


„IRGENDWANN MÖCHTE MAN SESSHAFT WERDEN“


GETADDICTED: Oder anders rum, welcher Künstler sollte mal einen Song von euch covern?
Shane: Weird Al! (Alfred Matthew „Weird Al“ Yankovic, US-amerikanischer Musiker, Parodist und Akkordeon-Spieler, Anm. d. Red.) Wenn er dich wahrnimmt und einen Song von dir covert, dann hast du’s geschafft! Außerdem find ich es immer wieder klasse, Videos auf youtube zu finden, in denen irgendwelche Leute Songs von uns covern.


GETADDICTED: Was würdest du machen wenn du nicht in der Band wärst?
Shane: Ich würde zur Uni gehen und etwas Richtung molekulare Biologie und Genetik machen. Das hab ich drei Jahre lang gemacht, bis wir gesignt wurden und das war mir dann natürlich wichtiger. Aber ich hoffe, ich kann da mal irgendwann weiter machen.
GETADDICTED: Ich bin auch Biologin, also wenn es sich in der Zukunft mit der Band erledigt hat, weißt du, an wen du dich wenden kannst für einen Job.
Shane (lacht): Super, ja heuer mich an! Ich bin wirklich glücklich mit dem, was ich gerade mache, aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man sesshaft werden möchte. Da wären wir wieder beim eigenen Bett!


GETADDICTED: Welcher Droge bist du verfallen?
Shane: Online-Scrabble und (holt sein Handy raus und spielt dran rum) mein Blackberry. Deswegen nenne ich das auch gern „Crack-berry“ (grinst). Andauernd holt man es raus und guckt nach, ob es was Neues gibt. Und Poker, das ist ein echtes Problem! Ne Scherz, aber ich spiel es wirklich oft und gern.
GETADDICTED: Schon viel verzockt?
Shane: Ich verlier nie! Na gut, ab und zu schon. An manchen Tagen sollte ich einfach nicht spielen.
GETADDICTED: Und zum Abschluss: 5 Lieder die aufs Mixtape für alle geliebten Freunde und Familie gehören.
Shane: Das ist schwer. Mein letztes Mixtape ist lang her. Ich würde auch für meinen besten Freund andere Lieder wählen als zum Beispiel für meine Mom.
GETADDICTED: Dann such dir jemanden aus.
Shane: Ok, Mixtape für meine Mom: Da muss was von Black Sabbath drauf! Meine Mutter liebt Black Sabbath! Dann dieses Lied, „Black Betty“, ich weiß nicht wer das singt (fängt an zu singen) ‚Whoa Black Betty, bambalam. Whoa Black Betty, bambalam…’ (“Black Betty” ist vom One-Hit-Wonder Ram Jam, Anm. d. Red.). Als drittes „Crazy Bitch“ von Buckcherry, das hat sie auf meinem iPod-Shuffle gehört und meinte nur: „Whats that crazy bitch song!?“. Außerdem liebt meine Mom Billy Idol, also etwas von ihm muss auch mit drauf. Ich glaub ich weiß kein fünftes…vielleicht was von Metallica. Das wär das Mixtape für meine Mom.


_ Originalartikel erschienen auf www.getaddicted.org

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